Ein Haufen gelber Säcke zur Abholung bereit gestellt.

Wer ist Recyclingweltmeister?

Wie Deutschland Plastik verschwinden lässt

In den Medien wird uns immer noch weisgemacht, dass wir Deutschen ein vorbildliches Recyclingsystem im Bereich Plastik haben. Ist das wirklich so? Die richtigen Zahlen zu finden, wird dem Interessierten nicht einfach gemacht. Welche Lösungen gibt es, wenn wir nicht so gut sind, wie wir denken?

Plastikmüll - aus den Augen, aus dem Sinn

Gelbe Tonnen, Braune Tonnen, Grüne Tonnen in einigen Teilen von Deutschland haben die Tonnen andere Farben. Wir trennen und entsorgen nach bestem Wissen und Gewissen unseren Müll. Wir schleppen Mehrwegflaschen zu den Discountern und Getränkehändlern zurück und Einmal-Glasflaschen in die Glascontainer.

Dann lehnen wir uns entspannt zurück, in der Gewissheit, alles menschenmögliche getan zu haben, um den Müll, der in unseren Haushalten anfällt, fachgerecht entsorgt und der Wiederverwertung zugeführt zu haben. All die vielen nutzlosen Einmal-Plastikverpackungen sind dann aus unseren Haushalten verschwunden. Hier gilt für die meisten Menschen: Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber was passiert mit den großen und kleinen Plastikresten, in denen noch vor kurzem unsere Lebensmittel und andere Artikel verpackt waren? 

Unmengen an leeren Plastik-Einmalflaschen

Deutschland gilt als Recycling - Weltmeister. Von Seiten des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit wird angegeben, dass 46% der 2017 angefallenen 11,6 Mio Tonnen Kunststoffmülls ins Recycling gingen. Die Recyclingquote liegt also laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Nuklearer Sicherheit bei rund 46 Prozent.* Ich war mir spätestens seit dem "Jenke-Experiment" zum Thema Plastik, welches von RTL produziert wurde, nicht mehr so ganz sicher. Danach habe ich meinen Haushalt und mein Plastikverhalten noch einmal gründlich unter die Lupe genommen und mich über unser Recyclingsystem informiert.

Andere Quellen - andere Zahlen

Interessant ist, dass andere Quellen mir andere Zahlen liefern. Ich kenne aus meiner Studienzeit den Spruch: "Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Also habe ich versucht, die Zahlen des Bundesministeriums zu überprüfen. Dabei bin ich auf den PLASTIKATLAS 2019 (Kooperationsprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung sowie dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND))**gestoßen.

Im "Plastikatlas 2019" konnte ich lesen: "Offiziell sind die Recyclingquoten in Deutschland relativ hoch. Im Jahr 2016 lagen sie bei 45 Prozent. Sie täuschen jedoch darüber hinweg, dass sie sich lediglich auf die Anlieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht aber auf den wirklich recycelten Output beziehen. Nimmt man die Gesamtmenge der anfallenden gebrauchten Kunststoffprodukte – im Fachjargon „Post-Consumer“ genannt – als Grundlage, wird in Deutschland nur etwa 15,6 Prozent zu Rezyclat verarbeitet. 7,8 Prozent sind mit Neukunststoff vergleichbar. Diese Menge wiederum macht 2,8 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Kunststoffprodukte aus. Von einer Kreislaufwirtschaft kann kaum gesprochen werden."Quelle: Plastikatlas 2019 S.37

Das oben genannte entstehende Recyclat ist in der Regel leider ein sogenanntes Downcycling, da es minderwertiger als das Ausgangsprodukt ist und daher nicht überall eingesetzt werden kann.

Weitere Fakten

Ein weiterer nicht ganz unwichtiger Gesichtspunkt ist folgender: In Deutschland, wie auch in anderen Länder werden zudem große Teile des Kunststoffabfalles verbrannt. Dies gilt als eine Entsorgungsoption. Sie erfolgt unter beschönigenden Bezeichnungen wie „Thermisches Recycling“, „Ersatzbrennstoff (EBS)“ und „Energie aus Abfall“, auch „waste-to-energy“ genannt."**

Bei der Verbrennung von Kunststoffabfällen kommt es darauf an, wie gut die Verbrennungsanlagen sind. Sind die Anlagen veraltet oder nicht entsprechend ausgestattet, gelangen zum Teil hochgiftige Substanzen in die Umwelt. Dies können krebserregende Dioxine und Furane oder Quecksilber, Cadmium oder Blei sein. Obwohl gewisse Abgasgrenzwerte eingehalten werden müssen, gelangen dennoch bestimmte Schadstoffe in die Umwelt. Von den entstehenden CO 2 -Emissionen will ich gar nicht erst anfangen.

Und noch ein Aspekt ist nicht zu unterschätzen. "Der Handel mit Plastikmüll ist ein boomendes Geschäft. Denn wir exportieren einen Großteil unseres Plastikmülls (und die damit einher­gehenden negativen Umwelt- und Gesundheits­folgen) nach Südostasien. Viele der Länder dort haben keine oder nur unzureichende Abfallentsorgungssysteme. Der Plastikmüll landet so letztendlich in der Umwelt und vor allem auch in den Meeren." ** (S.6) Laut den Beschlüssen der Regierung soll sich dies spätestens 2021 ändern. Bis dahin werden jedoch noch viele Tonnen Plastikmüll den Weg nach Asien antreten.

Wieviel Plastikabfall produzieren wir?

Von der Wirksamkeit des Recyclings in Deutschland war ich schon vorher nicht wirklich überzeugt, nach der Lektüre des "Plastikatlas 2019" bin ich desillusioniert. Ich hatte diese Fakten eigentlich schon in der RTL - Sendung "Das Jenke-Experiment" zum Thema Plastik gehört, konnte mir aber nicht vorstellen, dass die Wahrheit wirklich so weit von den offiziell genannten Zahlen abweicht.

Laut Bundesumweltamt gibt es einen neuen traurigen Höchststand beim Verpackungsabfall, wie es z.B. im "manager-magazin" steht: "In Deutschland sind 2017 insgesamt 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll angefallen - 3 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte das Umweltbundesamt (UBA) am Montag mit. Pro Kopf und Jahr entsprach dies durchschnittlich 226,5 Kilogramm Verpackungsabfall." Quelle: manager magazin

Teilweise handelt es sich um Pappe und Papier, produziert auch durch den wachsenden Onlinehandel. Andere Quellen berichten, dass in unserem Land stündlich etwa 320.000 einmalig genutzte Kaffeebecher verbraucht werden. Hochgerechnet sind das fast 3 Milliarden Einwegbecher im Jahr. *** Diese Aufzählung könnte beliebig fortgeführt werden.

Die traurige Wahrheit

Es wird Abfall produziert, der nicht sachgerecht entsorgt werden kann, der umweltschädlich ist und von dem wir nicht einmal alles unter Kontrolle haben.

"Heute liegt die Recyclingquote von Plastikverpackungen global immer noch bei nur 14 Prozent, wobei es sich überwiegend um ein Downcycling zu minderwertigen Produkten handelt. Weitere 40 Prozent enden auf Mülldeponien und 14 Prozent in Verbrennungsanlagen. Die restlichen 32 Prozent gehen in die Umwelt, auf Mülldeponien, in Meere und andere Gewässer. Oder sie werden unkontrolliert verbrannt. All diese Entsorgungswege bergen große ökologische Probleme."Quelle: Plastikatlas 2019 

Und genau bei diesen 32% Prozent liegt die große Gefahr. Denn hierbei handelt es sich um den Müll, mit dem wir z.B. in den Weltmeeren zu kämpfen haben und zwar jetzt und für die nächsten 60 - 450 Jahre. Aktuell stellen diese Teile im Großen eine Gefahr für Fische, Seevögel und Meeressäugetiere dar, die sich darin verfangen und sterben können oder die Plastikteile mit Nahrung verwechseln und mit Unmengen an Plastik im Magen verhungern. In einigen Jahren könnten sie von der Meeresoberfläche verschwunden sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Meere dann plastikfrei sind. Die Platikteile sind immer noch nicht weg, sondern nur zu mikroskopisch kleinen Teilchen zerfallen, die teilweise am Anfang der Nahrungskette stehen und dann wieder zurück auf unseren Tellern landen. Wahrscheinlich sind diese kleinen Teilchen dann noch angereichert mit Giftstoffen und Schwermetallen, denn diese werden von den kleinen Plastikbabys magisch angezogen. 

Eine leere Plastikflasche liegt weg geworfen am Strand.

Was sagt die Politik dazu?

Unsere Umweltministerin Svenja Schulze hat dazu im September 2019 eine interessante Aussage getroffen. Im Bericht "Jenke Experiment" antwortet sie auf die Frage von Jenke von Wilmsdorff nach unserem Recycling -Ergebnis: "Wir wiederverwerten fast die Hälfte unseres Plastikmülls. Das schafft niemand sonst." Und wir schaffen das auch nicht.

Mit konkreten Zahlen konfrontiert schaut sie fragend ihre Assistentin an - die weiß scheinbar auch nichts anderes. In die Recycling - Quote werden, wie weiter oben bereits beschrieben, die Tonnen an Plastikmüll mit hineingerechnet, die der Thermischen Verwertung unterliegen und auch die Massen an Plastikmüll, die exportiert werden.

Aber ab 2021 soll alles anders werden!! Laut einem Statement von Bundesumweltministerin Svenja Schulze zur aktuellen Plastik-Debatte am 06.06.2019 heißt es: "... Wir können endlich den Export von Plastikmüll verhindern, der nicht sortenrein ist und darum nicht recycelt wird. Dazu haben wir im Mai zusammen mit über 100 Staaten ein neues internationales Regelwerk geschaffen. Spätestens ab 2021 soll der Export von verschmutzten Plastikabfällen in Entwicklungs- und Schwellenländer aus der EU unterbunden werden können. Das Signal ist klar: Deutschland und Europa kümmern sich selbst um ihren Müll und verschiffen ihn nicht auf illegale Deponien in Asien und Afrika. Damit muss und damit wird endgültig Schluss sein. Plastikabfälle gehören ins Recycling und nicht in Meere und Flüsse...."Quelle: Statement der Bundesumweltministerin Svenja Schulze

Das klingt für mich nach einer Herausforderung. Um diesem Ziel gerecht zu werden, müssten meiner Meinung nach weitreichendere Schritte eingeleitet werden, als sie durch die letzten politischen Entscheidungen geplant wurden. Die Menge an Plastik, die als Verpackung oder ähnlich kurzlebiges Produkt in Umlauf gebracht wird, muss drastisch reduziert werden. Sonst ersticken wir in unserem eigenen Müll oder es wird einfach noch mehr Abfall verbrannt. Bis 2021 ist es ja auch noch eine Weile hin. Bis dahin sollten wir nicht warten.

Plastikfreier leben ist eine Lösung

Eine Lösung wird es nur geben, wenn wir es gemeinsam schaffen, den Plastikstrom an der Quelle zu reduzieren. Das bedeutet, vor allem auf kurzlebige Plastikprodukte zu verzichten und vielleicht die Entwicklung echter kompostierbarer Stoffe voran zu treiben. Das sind die einzigen und nachhaltigsten Methoden, um uns und die Umwelt vor weitreichenden und heute noch nicht absehbaren Umwelt- und Gesundheitsschäden zu bewahren. Es gibt bereits gute Beispiele. In Afrika gibt es inzwischen Länder, die ein Verbot von Plastiktüten durchgesetzt haben. Dazu gehören z.B. Tansania, Ruanda oder Kenia. In diesen Ländern werden Verstöße hart bestraft. (Das bedeutet nicht, dass ich alles gut finde, was in diesen Ländern passiert.)

Jeder Mensch, der diese Informationen ernst nimmt, kann einen kleinen Beitrag leisten. Wenn 20 Mio Menschen in der Woche einmal 15 g Plastik in Form einer Plastiktüte vermeiden, sind das im Monat ca 1200 Tonnen Plastikmüll, die nicht in Umlauf gebracht werden. Das entspricht ca. 39 600 m³ Kunststoffmüll (33 m³ je Tonne), die passen in ca. 591 gedeckte Güterwagen (67 m³). Bei einer Länge von ca. 11 m ergibt das das einen Güterzug mit einer Länge von 6,5 km. Das ist für mich schon eine Menge, die kaum vorstellbar ist.

Aber wir können mehr! Denken wir an die oben erwähnten ca. 320.000 einmalig genutzte Kaffeebecher, die in Deutschland stündlich verbraucht werden.

Es gibt bereits viele engagierte Menschen auf diesem Planeten, die Zukunftsvisionen haben und diese Träume auch in die Tat umsetzen. Dazu gehören Initiativen wie "Ocean Cleanup" (https://theoceancleanup.com/), "OneEarth OneOcean" (https://oneearth-oneocean.com/) oder "4ocean" (https://4ocean.com/). Das sind Menschen, die Kunststoffmüll, der sich bereits in den Ozeanen befindet entfernen wollen. Alle diese Aktionen stehen am Anfang und sehen sich einer schier unmöglichen Aufgabe gegenüber. Aber sie kämpfen für ihre Ideale und bekommen Unterstützung von vielen Menschen auf der ganzen Welt.

Anmerkung: Ich habe hier relativ viele Zitate verwendet. Das erschien mir notwendig, um die Aussagen korrekt wieder zu geben. 


 

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